Smarter Minimalismus

September 2016 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Smarter Minimalismus

Hochwertig, variabel und altersgerecht soll sie sein, die Innenausstattung für das Wohnen von heute. Kein Widerspruch dazu ist der Trend zu Vintage, Upcycling und Handwerkskunst.

Mirko Heinemann / Redaktion

In immer mehr Singlehaushalten sind sie zu beobachten: die kleinen Helfer, die leise summend auf dem Boden herumkriechen und beflissen jedes Staubkorn in ihre Öffnung hineinfegen. Haushaltsroboter liegen im Trend, insbesondere Saug- und Wischroboter. Bei einer kinderreichen Familie geraten die sensiblen Maschinen allerdings schnell an ihre Grenzen. Wer in seinem Haushalt langhaarige, sich ständig bürstende Teenager beherbergt, Kleinkinder, die schnell trocknende Porridge-Haufen produzieren oder wuschelige Familienhunde, benötigt Spezialgerät – oder Scheuerbürste und viel Kraft.
Technik und Wohnen – das ist eine komplizierte Wechselbeziehung. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Router auf dem Tisch stand, Schreibtische mit kompliziertem Kabelsystemen präsentiert wurden oder quer durch den Raum hängende Stromkabel mit filigranen Halogen-Lämpchen als der letzte Schrei galten. Heute soll die Technik vorrangig unser Leben vereinfachen. Das Heim soll „smart“ sein, aber die Technik dahinter möglichst unauffällig bleiben.
Im Trend liegt stattdessen Minimalismus, der eher zurück zur Natur weist: einfach, aber hochwertig. Teuer, aber rauh. Viel Geld wird ausgegeben für Understatement: Retro-Design, handgemachte Holzmöbel, hochwertige Optik. Shabby Chic, Industrial Design oder Vintage sind die Schlagwörter. Das Verständnis von Wohnen verändert sich: Die Wohnung soll möglichst vielseitig sein, Räume übernehmen verschiedene Funktionen, weil sich Bedürfnisse je nach Lebensphase verändern. Die Wohnung soll heute kindgerecht sein, nutzbar im Alter, modular und möglichst veränderbar.
Dasselbe gilt auch für die Inneneinrichtung. Immer mehr Menschen legen Wert auf Produkte und Designs, die von Hand entwickelt und hergestellt werden. In den Zentren der Großstädte bieten immer mehr Tischler erfolgreich ihre Hilfe bei der maßgeschneiderten Wohnungseinrichtung an: Regalwände, die maßgenau in die Ecke passen, hochwertige Einbauschränke und individuelle Küchensysteme liegen im Trend. Das sind hochpreisige Dienstleistungen, aber das Geschäft brummt.
Materialien sollen naturnah sein, schadstoffarm und in der Herstellung möglichst ökologisch. Hölzer aus nachhaltiger Forstwirtschaft tragen das FSC-Zertifikat, Teppiche ohne Schadstoffe werden mit dem TÜV Umweltsiegel oder dem „Greenline“-Siegel zertifiziert. Qualitätssiegel wie Rugmark oder Care & Fair sichern dem Käufer zu, dass der Teppich nicht durch illegale Kinderarbeit entstanden ist. Ebenfalls in diese Richtung zielt der Trend zum Upcycling: Gebrauchte Materialien werden immer beliebter, und wer seine Kreativität nicht bemühen möchte, findet auf dem Möbelmarkt zahlreiche Ideen, wie aus alten Möbeln und Wohnaccessoires völlig neue Designs konstruiert werden.
Die Technik spielt ihre Rolle eher im Hintergrund: Elektrische Rollläden und Fensteröffner sind im Kommen, energiesparende LED-Leuchten verfügen immer häufiger über Bewegungsmelder, der Herd stellt sich nach einer Weile automatisch aus. In den Kühlschrank kann man mittels Kamera und Smartphone auch von unterwegs hineinschauen. Das sind nicht nur schöne Gadgets, sondern solche Ausstattungsmerkmale bieten spätestens im fortgeschrittenen Alter echten Mehrwert. Zu einer altersgerechten Ausstattung gehört denn eine moderne Türsprechanlage unbedingt dazu, gegebenenfalls mit Kamera. Bei der Installation von Steckdosen und Lichtschaltern sollte man darauf achten, dass sie in einer Höhe angebracht sind, die man auch sitzend erreichen kann.
Der Trend zu offenen Raumstrukturen, die sich flexibel gestalten lassen und viel Platz bieten, begünstigt die Bewegungsfreiheit im Alter. Folgende Überlegungen aber sollten bereits bei der Planung der Wohnung oder des Hauses eine Rolle spielen: ein großzügiges Bad, ausreichend Platz rund um das WC, eine bodengleiche Dusche, keine Stolperfallen zwischen den Räumen. Türen sollten mindestens eine Breite von 80 bis 90 Zentimetern aufweisen, damit auch ein Rollator oder ein Rollstuhl problemlos hindurch passt. Schiebetüren dienen ebenfalls der Barrierefreiheit. Und: nicht zu enge Kurven. Schließlich will man in seiner geliebten Wohnung auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.